Der gute Beamte aus Oftringen - Tages-Anzeiger vom 5.3.1999

In den öffentlichen Bürostuben arbeiten nicht nur dröge Beamte. Sondern auch findige Köpfe, die mit Ideen den Apparat von unten reformieren. Autor: Von Daniel Hug

Beamte pflegen ihre Tätigkeit laut den Lehrbüchern der politischen Ökonomie nach zwei Ge-sichtspunkten auszurichten: Das Budget und die Zahl der Untergebenen - innerhalb der Gesetzesvorschriften - zu maximieren. Beides erhöht den Einfluss und rechtfertigt den Aufstieg in höhere Lohnklassen. Sparvorschläge werden hingegen kaum honoriert - zum Verdruss der Steuern zahlenden Bürger. Soweit die Theorie. Ganz so schlimm sieht es in der Praxis aber nicht aus. Eine Preisaus-schreibung bringt es an den Tag: Es gibt Leben in den Amtsstuben - unter dem Bürostaub spriesst ein zartes Pflänzlein namens Innovation. Die Beratungsfirma Arthur Andersen hat im vergangenen Oktober zum ersten Mal den "Prix du Service Public" ausgeschrieben: prämiert werden dabei innovative Projekte in der öffentlichen Hand. Das Echo war gross: Die Beam-ten reichten 79 Projekte ein. Darunter sind sinnvolle Ideen wie die elektronische Steuererklä-rung FastTax aus Solothurn. Und unsinnige: Ein Zuger Stadtökologe schlägt ein Projekt na-mens "Bürgernähe von Geburt weg" vor: "Bei der Geburt eines Kindes erhält die Familie eine Abfallsackrolle der Stadt." Wettbewerb unter den Gemeinden Fünf Projekte wurden schliesslich von einer hochkarätigen Jury prämiert (vgl. Kasten). Her-ausragend war die Idee des 34-jährigen Finanzvorstands der Gemeinde Oftringen: Andreas Kallmann hat eine Interessengemeinschaft von 11 Gemeinden lanciert, die künftig ihre Leis-tungen und die Kosten, die sie dafür ausgeben, untereinander vergleichen. Das Projekt, das mit dem angelsächsischen Begriff "Benchmarking" umschrieben wird, tönt wenig spektakulär, bewirkt aber nicht weniger, als dass die bisher von jeglicher Konkurrenz abgeschirmten Ge-meindeverwaltungen dem Wettbewerb ausgesetzt werden. "Die meisten Gemeinden", erklärt Kallmann, "haben etwa die gleichen Aufgaben - das ist gesetzlich vorgegeben. Aber nicht alle erbringen diese Leistungen auf die gleiche Art. Warum soll man nicht voneinander ler-nen?" Also suchten der junge Betriebsökonom und der Gemeinderat nach Partnern. Von 15 angefragten Kommunen mit über 3000 Einwohnern sagten elf zu - darunter Aarburg, Rhein-felden, Wohlen und Zofingen. Die Motivation: "Der Spardruck", so Kallmann, "hat markant zugenommen." In den letzten Jahren sei die Belastung der Gemeinde um rund 50 bis 60% gestiegen: "Das Projekt hilft, die Finanzen im Lot zu halten." Und so funktionierts: Der kostenmässige Vergleich der Gemeindedienste zeigt, wer seine Leistungen am effizientesten erbringt. Daraus können die andern Gemeinden lernen - und Kosten sparen oder ihre Dienste verbessern. "Ich hoffe", sagt der Finanzchef, "dass jede Gemeinde jährlich ein paar Zehntausend Franken sparen kann. Hochgerechnet auf 10 Jahre ist das ein Haufen Geld." Die Gemeinderäte haben bisher zwei Bereiche festgelegt, die untersucht werden: Die Abfallbeseitigung, die einige Gemein-den bereits an Private ausgelagert haben, sowie den Sachaufwand der Schulen. "Emotionen werden erst die Resultate und deren Umsetzung auslösen", schätzt Kallmann. Denn erstmals werde man auch "Abteilungsfürsten" dreinreden. "Da müssen sich die Leute zuerst daran gewöhnen." Eingespart werden soll zuerst beim Sachaufwand. Falls es verein-zelt zu Stellenkürzungen kommen sollte, werde man dies über Fluktuationen regeln. Mit 3000 Franken Kosten pro Gemeinde istdas Selfmade-Projekt billiger als jeder externe Berater. Gewinnen die Oftringer auch den Preis von 50 000 Franken für die beste Umset-zung, der im Jahr 2000 vergeben wird, soll die IG Benchmarking zur selbst tragenden Ge-nossenschaftumgewandelt werden. "Wir wollen unsere Dienste auch andern Gemeinden anbieten. Wir analysieren ihre Daten - und liefern entsprechende Beratung", skizziert der prämierte Beamte seine Vision. "Sie täuschen sich, der Innovative sitzt nebenan." Preisträger Juryleiterin Annemarie Huber-Hotz prämierte weitere Projekte: Das "Management Development Center": systematische Erkennung, Beurteilung und Entwicklung von Führungskräften (Daniel Fahrni/Nicolas Gonin, Departement für Vertei-digung, Bevölkerungsschutz und Sport, VBS). Kundenorientierte Organisation in der Verwaltung, Zusammenfassung der Verkehrsbe-lange (Rolf Steiner/David Wetter, Köniz). Programm zur Unterstützung des Rettungsdiensts durch Laien (Cla Puorger, Spital Grabs). Bürgernahe Polizei (Jürg Steiner, Polizist in Erlenbach).