Verwaltungsfestamtlich - Sonntags Zeitung 27.2.2000
Die Verleihung des Prix du Service public zu Bern ist eine Feier der anderen Art
BERN - Bundeskanzlerin Annemarie Huber-Hotz überreicht den beiden Siegern des Prix du Service public Blumensträusse. Küsschen allerdings verwehrt sie dem Oftringer Gemeinde-ammann Heinz Senn und seinem Finanzleiter Andreas Kallmann. Trotzdem strahlen die bei-den Aargauer Preisgewinner. Schliesslich haben sie 15 000 Franken von der Beratungsfirma
Arthur Andersen erhalten für ihr Projekt, das Dienstleistungen verschiedener Gemeinden vergleicht, um Kosten zu sparen und Leistungen zu verbessern. «Die Preissumme wollen wir in einen Internetauftritt der Gemeinde investieren und nicht in den Kampf für das SP-Präsidium stecken», lacht der SP-Gemeindeammann Senn.
Der Anlass im Saal des Berner Restaurants Zum Äusseren Stand beginnt steif. Manche Gäste kommen zu spät: So verpassen sowohl VBS-Generalsekretär Juan F. Gut als auch Alt-Nationalrat und Unternehmensberater Jean-Pierre Bonny die Preisübergabe. Beim an-schliessenden Apéro lösen sich die Zungen. Voll in Fahrt ist der braun gebrannte Erlenba-cher Polizist Jürg Steiner, der mit seinem Projekt «Community Policing», einer bürgernahen Polizeiarbeit, in die Endauswahl des Prix du Service public gekommen ist.
Er missgönnt den Aargauer Siegern den Hauptpreis nicht: «So viele haben über mein Projekt berichtet, vom Schweizer Fernsehen über Tele 24 und den «Blick» bis zur «Süddeutschen Zeitung»», erzählt er und weibelt bei den Gästen, die fast alle in der Verwaltung arbeiten, für sein neustes Projekt: Er will Strassenkinder, Zahnärzte und Polizisten in Brasilien einander näher bringen. Für seine Werbekampagne will er den brasilianischen Fussballstar Ronaldo in die Schweiz holen.
«Jetzt habe ich gerade erreicht, dass Frau Huber-Hotz das Patronat für mein neustes Projekt übernimmt.»
Angeregt diskutieren die Gäste über die Möglichkeiten der neuen Medien für die Verwaltung. «In England kann man sich bereits via Internet scheiden lassen», sagt Peter Bucher vom Beratungsunternehmen Arthur Andersen, «aber leider wird hier in der Verwaltung immer noch stark mit Papier gearbeitet.» ABB-Finanzchef Walter Gugolz, als Vertreter der
Privatwirtschaft eingeladen, meint: «Im E-Commerce, da geht die Post ab. Dort muss sich die öffentliche Verwaltung engagieren.»
In die Endauswahl des Prix du Service public schaffte es auch das VBS-Projekt über die systematische Erkennung, Beurteilung und Entwicklung von Führungskräften. Es scheint aber, wie der Fall Bellasi zeigt, dass dieses Projekt im Departement noch nicht recht Fuss gefasst hat. Das bestreitet aber VBS-Generalsekretär Gut: «Wir wollen damit weitere
solche Fälle verhindern.»
Und wofür hätten die Gäste persönlich einen Prix du Service public verdient? «Für die Frau-enförderung», sagt die Juryvorsitzende Huber-Hotz. «In meiner Führungstätigkeit im Parla-mentsdienst habe ich eine Frauenquote von 50 Prozent erreicht.» Die Quoten-Initiative lehnt sie allerdings ab.
Ihr Jurykollege, der ABB-Finanzchef Walter Gugolz, meint trocken: «Ich mache wenig für die Öffentlichkeit.» Dagegen verweist Jurymitglied Bonny stolz auf seine Zeit als Biga-Direktor, als der «Bonny-Beschluss» 20 000 Arbeitsplätze geschaffen habe. FDP-Generalsekretär Johannes Matyassy glaubt, dass vielleicht seine Auktion für die Gümliger Musikschule, die 12 000 Franken zusammengebracht hat, preiswürdig wäre. Er gibt Andreas Bürge, Leiter des Business Consulting bei Arthur Andersen, seine Visitenkarte. Schliesslich geht es am «Prix Walo der Verwaltung» auch um neue Kontakte.
