IG-Benchmarking - «Benchmarking» erreicht die Gemeinden - Basler Zeitung vom 3.8. 2000

«Benchmarking» erreicht die Gemeinden - Basler Zeitung vom 3.8. 2000

Um Steuergelder zu sparen, vergleichen mehr als ein Dutzend Gemeinden im Kanton Aargau die finanziellen Aufwendungen für ihre
Verwaltungsaufgaben und Dienstleistungen. Von Thomas Gerber

                 Das Projekt eines findigen Finanzverwalters bringt
                 frischen Wind in den Verwaltungsapparat und
                 schiebt Reformen an. Das Projekt erhielt den «Prix du
                 Service public» einer Beratungsfirma.

                 Oftringen. Die gute Idee ist einfach. Wer seine Wohnung
                 neu malen lässt, vergleicht schliesslich auch die
                 verschiedenen Offerten - und entscheidet sich für den
                 Malermeister mit dem besten Preis-Leistungs-Verhältnis.
                 Doch wie verhält sich das mit den Kosten und der Qualität
                 von Dienstleistungen, die Gemeindeverwaltungen
                 erbringen?

                 Diese Frage geht ein Projekt des Finanzverwalters der
                 Aargauer Gemeinde Oftringen, Andreas Kallmann, frontal
                 an. Und es hilft mit, Steuergelder zu sparen. «Man stellt
                 Unterschiede bei den Kosten fest, und schaut dann,
                 weshalb», erläutert der 35-jährige Kallmann.
                 Oftringen, die städtische Gemeinde mit 10`000 Einwohnern
                 am nationalen Autobahnkreuz, ist seiner Zeit voraus. Die
                 Zukunft nennt sich neudeutsch «Benchmarking». Das
                 Projekt vergleicht die Leistungen von Gemeinden und
                 Städten: Klassische Aufgaben wie Abfallentsorgung,
                 Steueramt oder die Musikschule werden unter die Lupe
                 genommen. Ein Stamm von fünfzehn Aargauer Gemeinden
                 hat sich zum Mitmachen entschieden, unter anderem
                 Aarau, Rheinfelden, Zofingen und Wohlen. Diese
                 «Interessengemeinschaft Benchmarking» wagt den Blick
                 über den Gartenzaun und setzt sich dem Wettbewerb aus.
                 Die Ergebnisse der Vergleiche, welche die Gemeinden
                 gemeinsam erarbeiten, lassen sich nicht generell in
                 Franken und Rappen ausweisen. Doch die Resultate
                 schärfen in den Beamtenbüros das Kostenbewusstsein
                 und stossen einen Lernprozess an. Die Verwaltungen
                 stellen nicht gleich alles auf den Kopf. «Es gibt Sachen, die
                 man aus Qualitätsgründen bewusst anders haben will»,
                 betont Kallmann. «Aber es gibt auch Aufgaben, die man
                 wirklich billiger, einfacher und schneller machen könnte.
                 Dann muss etwas geändert werden.» Ein konkretes
                 Ergebnis aus Oftringen: 36`000 Franken pro Jahr kann die
                 Gemeinde bei der Abfallentsorgung sparen. Man stellte
                 plötzlich fest, dass andere bessere Konditionen hatten.

                 Einsicht ist vorhanden

                 Wie reagieren Gemeindeverwaltungen darauf, wenn sie
                 feststellen, dass eine schlechte Leistung zu viel Geld
                 verschlingt? Kallmann: «Die Einsicht ist da, das ist nicht
                 das Problem.» Um keinen lokalpolitischen Sturm im
                 Wasserglas zu entfachen, publiziert die
                 Interessengemeinschaft die Ergebnisse nicht. «Politik und
                 Verwaltung sind heute so stark der öffentlichen Kritik
                 ausgesetzt, dass sich kaum ein Gemeinderat freiwillig aus
                 dem Fenster lehnen würde», weiss Kallmann:
                 «Grundsätzlich reicht es ja, wenn die Gemeinden die
                 Resultate analysieren und die nötigen Massnahmen
                 treffen.» Trotzdem gibt es Gemeinden, die von der Idee
                 des Leistungsvergleichs überhaupt nicht begeistert sind.
                 Sie fühlen sich unter Druck gesetzt.

                 Gemeinden bocken

                 Der Zusammenschluss «Interessengemeinschaft
                 Benchmarking» ist auch eine Selbsthilfegruppe. Denn der
                 Kostendruck auf die Gemeinden steigt. Die Kantone
                 schieben immer mehr Aufgaben den Dörfern und Städten
                 zu. So treibt der Aargauer Regierungsrat die Reform
                 «Aufgabenverteilung Kanton-Gemeinden» voran. Die
                 Umwälzungen bringen Unruhe in die 232 Gemeinden. Ein
                 erster Anlauf, die Gemeinden in die Pflicht zu nehmen,
                 scheiterte an der Opposition der organisierten
                 Gemeindeammänner. Das Volk lehnte im November eine
                 Überwälzung von AHV-Beiträgen an die Gemeinden ab.
                 Jetzt muss der Kanton die vom Bund zugeschobenen
                 Zusatzkosten von rund 100 Millionen selbst tragen.
                 Das Engagement und der Reformwillen eines
                 Finanzverwalters an der Verwaltungsbasis kann in den
                 Chefetagen nicht unbemerkt bleiben. Oftringen erhielt für
                 das Projekt «Benchmarking» dieses Jahr den «Prix du
                 Service public» des Beratungsunternehmens Arthur
                 Andersen, das innovative Ansätze der öffentlichen Hand
                 auszeichnet. Präsidentin der Jury ist Bundeskanzlerin
                 Annemarie Huber-Hotz, eine Intimkennerin des
                 Verwaltungsdschungels. Als Preisgeld erhielt Oftringen
                 15`000 Franken. Die Summe ermöglicht dem Projekt einen
                 Internet-Auftritt, der dieser Tage aufgeschaltet wird (http://www.ig-benchmarking.ch).
                 Auch in Oftringen wachsen die Bäume nicht in den Himmel.
                 Die Gemeinde, die vor Jahren den Einwohnerrat
                 (Parlament) abschaffte und wieder zur
                 Gemeindeversammlung zurückkehrte, muss immer hart
                 ums eigene Budget kämpfen. Dieses Jahr wählte
                 SP-Gemeindeammann Heinz Senn einen neuen Weg: Die
                 Exekutive lud im Mai die Bürgerinnen und Bürger sowie
                 Parteien zu einem Workshop ein, um gemeinsam
                 Möglichkeiten zu suchen, wie im Budget 2001 bis zu
                 450`000 Franken gespart werden können. Auf dem
                 Opfertisch liegen etwa die freiwilligen Gemeindebeiträge
                 an Musikvereine oder an die Schwimmbadeintritte für
                 Schüler. Das neue Steuergesetz des Kantons beschert
                 den Gemeinden nämlich massive Einnahmeausfälle.

                 Leukerbad lässt grüssen

                 Und noch an einem Finanzproblem nagt Oftringen. Die
                 Gemeinde lieh dem Walliser Pleitekurort Leukerbad im
                 Sommer 1997 direkt zwei Millionen Franken. Oftringen
                 reichte letzten Herbst zusammen mit Rheinfelden, das
                 gleichviel Geld überwiesen hatte, beim Bundesgericht in
                 Lausanne eine Klage gegen die Walliser Regierung ein.
                 Die Gemeinden, die sich von Leukerbad über den Tisch
                 gezogen fühlen, wollen die Kantonsregierung in ihre
                 Aufsichtspflicht nehmen - und natürlich wollen sie möglichst
                 viel Geld zurück.